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Interview mit dem Erfinder der Programmiermaschine
„Die Idee war so simpel wie genial“
Prof. Dr. Oscar Pastor (41), Polytechnische Universität von Valencia

Im Public-Private-Partnership zwischen der Polytechnischen Universität von Valencia und der Firma CARE Technologies ist die Programmiermaschine OlivaNova® Model Execution entstanden. Wie fühlt man sich, wenn ein so großer Traum realisiert wurde?

Wir haben noch dieselbe Energie und dieselben Visionen wie vor acht Jahren. Wir sind überzeugt, dass ein wichtiger Prozess vor sich geht, die Vereinigung entscheidender Fertigkeiten und Sichtweisen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, ganz nach amerikanischem Stil. Mein Team an der Universität hält stets den wissenschaftlichen Qualitätsanspruch hoch, während ein Wirtschaftsunternehmen dem direkten Druck seiner Kunden ausgesetzt ist. Die Welt der Software-Entwicklung ist sehr dynamisch, wir dürfen deshalb nie stehen bleiben. Also versuchen wir, für unser Tool vorherzusagen, wie sich die Technologie entwickeln wird, um neueste Ideen zu integrieren. Dabei werden inzwischen Doktorarbeiten bei CARE Technologies geschrieben. Kerngedanke des Erfolges ist ein starkes Team. Beide Seiten – Universität und Spin-off – setzen sich an einen Tisch, um ständig an unserem Traum weiterzuarbeiten.

Vor acht Jahren haben Sie sich in den Kopf gesetzt, dass es Computer selbst Software schreiben können. Das klingt so unmöglich wie ein Perpetuum mobile!

Die wichtigsten Erfindungen der Welt sind immer auf eine sehr natürliche Fragestellung zurückzuführen. Unsere simple Idee war: Wir brauchen ein Modell, einen Plan, um immer komplexer werdende Software zu entwickeln. Wenn Sie ein großes Haus bauen, dann brauchen Sie auch ein Modell, um sich frühzeitig vorstellen zu können, wie alles wird, wenn Sie es später tatsächlich errichten. Software ist ein intellektuelles Produkt, kein greifbares. Ich habe immer die Idee verteidigt, dass auch Software-Ingenieure Modelle für ihre Entwicklungen benötigen. Nächster logischer Schritt war schließlich die Programmiermaschine, die aus solchen Modellen fertige Programme erstellt. Um aber Theorie in Praxis umzusetzen, fehlten uns die Mittel. Als wir Siegfried Borho und seinen Geschäftsführer Jose Iborra trafen, waren die beiden ganz verblüfft, dass sich die Industrie bislang für unseren wissenschaftlichen Ansatz nicht interessiert hatte. Die Bereitschaft der Unternehmer, in unsere Studien zu investieren, ermöglichte, dass mehrere Doktorarbeiten zu diesem Thema vergeben werden konnten. Die Idee war so simpel wie genial, deshalb konnten auf einmal viele Menschen begeistert werden, und das Ganze war nicht mehr aufzuhalten.


Gab es Momente, in denen manche aufgeben wollten?

Es war vor allem ein technisches Problem, als wir erkannten, dass das User Interface und der Source Code so miteinander verwoben waren, dass Veränderungen im Code oder im Interface sich gegenseitig beeinflusst und das Ergebnis unbrauchbar gemacht haben. Damals war noch nie jemand auf die Idee gekommen, auch das User Interface zu modellieren. Der Schritt, neben dem konzeptionellen Modell ein eigenes Präsentationsmodell zu entwickeln, bereicherte unsere Entwicklung ungemein. Wir wissen, dass das äußere Erscheinungsbild unsere Vorstellung von Dingen in dieser Welt stark beeinflusst. Deshalb ist die Integration des User Interface Modells ein Schritt, den man nicht unterschätzen darf.

Welche Rolle spielt Ihr international besetzter wissenschaftlicher Beirat?

Der Beirat ist sehr wichtig, weil er technologischen Input auf einem sehr hohen Niveau für unsere Methodik einbringt. Es ist wichtig, die Meinung hochrangiger Experten zu integrieren. Wir gehen natürlich dauernd davon aus, selbst die richtigen Lösungen zu besitzen, aber den rechten Input, Korrekturen oder auch Bestätigung von anerkannten Experten dieser Welt zu erhalten, tut außerordentlich gut.

Wie reagiert die Softwarebranche auf die Programmiermaschine OlivaNova® Model Execution?

Es gibt einen Technologie-Gap zwischen jeder Idee und ihrer tatsächlichen Umsetzung. Manchmal brauchen Innovationen 15 bis 20 Jahre, bis sie vom Markt angenommen werden. Es sind zu viele Scharlatane in den vergangenen Jahren gewesen, die den Menschen gesagt haben: „Ihr braucht nur einen Knopf zu drücken, und das ganze Problem ist gelöst.“ Die Menschen reagieren deshalb gern abweisend, wenn sie nun schon wieder davon hören, dass irgendetwas Komplexes einfach per Knopfdruck gelöst werden soll. Wir mussten und müssen also die Menschen überzeugen, dass wir einen fundierten und vernünftigen Hintergrund mitbringen. Auf der anderen Seite kam es, wenn Sie in die EDV-Geschichte der letzten Jahrzehnte sehen, immer wieder zu einem höheren Abstraktionslevel. Insofern bewegen wir uns ganz konventionell von der dritten Abstraktionsebene in die vierte. Vor fünf Jahren mussten wir in San Francisco noch erkären, wo Valencia überhaupt liegt, das ist heute schon anders, wir kommen Schritt für Schritt voran. Heute spüren wir starkes Interesse auch am amerikanischen Softwaremarkt, weil unsere Programmiermaschine sehr auf die Probleme der Software-Industrie eingeht. Die wissenschaftliche Akzeptanz der Technologie ist erreicht, würde ich sagen. Jetzt geht es ums Marketing, um die kommerzielle Einführung im Markt.


Wie ist Ihr Verhältnis zu den Standards der Branche? Es gibt zwar eine Object Management Group (OMG), aber deren Standard, die Unified Modelling Language (UML), ist Ihnen ja nicht formal genug.

Mitte der neunziger Jahre waren wir diejenigen, die die Entwicklung vorhergesehen haben, dass man anhand von Modellen automatisiert Programmcode generieren kann. Nun gibt es wichtige Standards der OMG. Wir müssen unsere Technologie an die Standards der Software-Industrie anpassen. Unsere Arbeit sieht so aus: Wir definieren in einem sehr formalen Modell konzeptionelle Konstruktionen, die nötig sind, um die Realität abzubilden und exakt zu beschreiben. Die OMG Gruppe versucht, ähnliche Beschreibungen vorzunehmen, es gibt auch zum Teil klare Übereinstimmungen mit unserer Arbeit. Wenn einer Realität beschreibt, und ein anderer tut das auch, dann können die Ansätze so weit nicht auseinander liegen. Stellen Sie sich vor, zwei Kinder beschreiben einen Baum, dann werden die beiden dies durch Form und Farbe tun, und am Ende gibt es zwei miteinander vergleichbare Beschreibungen. UML gab es noch nicht, als wir unsere Arbeit begonnen hatten, aber es war später kein Problem, unsere Diagramme an diese Sprache anzupassen, es war eine rein formale Übung. Wir hatten eine klare Idee davon, was nötig ist, um UML sinnvoll einzusetzen. Also haben wir UML auch mitverbessert. Vielleicht sollten wir in Zukunft auch noch stärker an der Definition des Standards mitwirken.

Sie haben vor acht Jahren die Entwicklung dieser Programmiermaschine vorhergesehen. Was wird es im Jahr 2010 im Software Engineering geben?

Ich denke, dass die Geschichte des Softwareschreibens davon bestimmt ist, kontinuierlich das Abstraktionslevel anzuheben und dabei immer mehr vom Maschinenlevel zu dem des Menschen zu gelangen. Ich gehe davon aus, dass in 2010 die Interaktion mit Applikationen schon beim Programmieren so aussehen wird, dass wir in die Maschinen reinsprechen, um unsere Anforderungen zu formulieren. Aber das philosophische Modell, die Unterscheidung zwischen Konzept und Präsentation des Konzeptes, wird weiter existieren. Wenn sich die Technologie ändert, wird der Weg zur Umsetzung ein anderer sein, aber Start- und Zielpunkt bleiben der gleiche. Stellen Sie sich vor, ein Ufo würde auf der Erde landen, und fremde Wesen würden aussteigen. Dann würde es Wesen mit anderen Konzepten geben, und wir würden versuchen, sie in unser System zu integrieren und deren System zu verstehen.

Mit CARE Technologies haben Sie Transformation Engines zur Erstellung von Programmcode in Java und in Visual Basic auf verschiedenen Plattformen entwickelt, in Kürze kommt .NET hinzu. Was folgt danach?

Wir sind komplett unabhängig von der verwendeten Technologie. Jetzt findet gerade ein neuer Wettbewerb durch die Ausbreitung des Open Source Standards statt. Aber unser Ansatz lässt sich immer anwenden, lässt sich an jede Technologie anpasssen. Wenn jemand vieles kann, spricht man davon, dass er viele Hüte trägt. Unsere Programmier-maschine kann jeden beliebigen Hut aufsetzen. Programmierer tun sich nicht so leicht mit der Umstellung, die Ihre revolutionäre Methode des Modellierens mit sich bringt. Lernen Ihre Studenten, dass sie nicht Programmierer, sondern Analysten werden?

Definitiv ist es sehr viel leichter für Studenten, sich an eine neue Konzeption anzupassen, die nicht auf dem Herstellen von Source Code, sondern auf dem Modellieren von Prozessen beruht. Wir erzählen unseren Studenten dann vom Übergang von Assembler zu COBOL, also von einer Maschinensprache zu einer geschäftsorientierten Programmiersprache. Der Compiler hat das Wichtigste herausgefiltert, das Unnötige weggelassen und eine Optimierung durchgeführt, so dass die Ergebnisse besser wurden. Sie werden immer Programmierer bleiben, nur die Welt wird komfortabler für sie. Der Programmierer wird eine höhrere Qualitätsstufe erreichen. Wer diesen Job allerdings schon eine Zeit lang ausübt, also in seinem Bereich als Experte gilt, der möchte nicht gern hören, dass es nun eine neue Methode gibt. Ich glaube, dass jeder Experte sehr enttäuscht sein wird, wenn er hört, dass ein Computer angeblich seine Arbeit besser machen kann. Qualität und Produktivität sind jedoch die ausschlaggebenden Punkte. CARE Technologies wird hier auch Aufklärungsarbeit leisten müssen. Die Informatik-Studenten sind die Programmierer von morgen. Der Veränderungsprozess wird leichter, wenn man dafür von der Universität vorbereitet wird. An der Polytechnischen Universität von Valencia haben wir im vergangenen Jahr rund hundert der 2.000 Informatik-Studenten damit konfrontiert und sehr gutes Feedback erhalten. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist übrigens in unserem Fall für die Studenten sehr attraktiv. Sie haben die Wahl zwischen akademischer Arbeit oder Forschung und Entwicklung in der Softwarefirma CARE Technologies. Manche Studenten fühlen sich als Pioniere an der Universität wohl, auch wenn sie dort weniger Bezahlung erhalten. Andere werden wegen der Aussicht auf Karriere und wirtschaftlichen Erfolg von der Industrie angezogen.

Apropos wirtschaftlicher Erfolg: Wie sieht der Vorsprung aus, den Ihr wissenschaftliches Team zusammen mit CARE Technologies gegenüber ähnlichen Versuchen von Rational Rose oder TogetherJ genießt?

Die intellektuelle Natur der Software ist unser Vorteil. Das Know-how, das wir im vergangenen Jahrzehnt erworben haben, ist so stark, dass es nicht durch Hunderte oder Tausende von Spezialisten wettgemacht werden kann. 50 Menschen haben sich hier auf das Thema Modellieren von Prozessen und das automatische Generieren von Source Code spezialisiert. Der Wettbewerbsvorteil, der daraus erwachsen ist, wird nicht ewig halten, aber im Moment genießen wir ihn. Deshalb müssen wir unsere Arbeit weiter mit Energie vorantreiben. Das berühmte „Window of Opportunity“ steht heute weltweit für die Programmiermaschine aus Spanien offen.


Kontakt

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Tel.: +49 (89) 42 70 5-513
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